
Die BMBF-Bekanntmachung MaterialDigital fordert deshalb ein „Kuratierungskonzept". Aber wer kuratiert, wenn das Geld alle ist? Eine Frage, die kein Förderprojekt beantworten kann — und die genau deshalb gestellt werden muss.
Kulmbach, im April 2026. Die Norouzi-Studie von 2024 zählte 94 Werkstoff-Ontologien in Europa — vermutlich werden zum Erscheinungszeitpunkt nicht mehr als zwanzig aktiv gepflegt. Förderprojekte haben typisch drei Jahre Laufzeit. Wenn das Geld ausläuft, wandern die Doktoranden ab, das Institut hat neue Projekte, die Software wird nicht mehr gebaut, der Server, auf dem die Ontologie läuft, wird abgeschaltet. Was bleibt, ist eine ZIP-Datei in einem Zenodo-Archiv — und ein paar Zitate in der Fachliteratur.
Das ist nicht polemisch gemeint. Es ist die strukturelle Realität öffentlich geförderter Forschung: Förderung erzeugt Artefakte, aber keine
Pflegeverpflichtung über das Projektende hinaus. Wer dauerhaft brauchbare Werkzeuge will, muss die Pflege strukturell anders organisieren als die Erstellung. Genau diese Erkenntnis hat die BMBF-Bekanntmachung MaterialDigital3 zum expliziten Förderkriterium gemacht: jedes Projekt muss ein „Kuratierungskonzept" vorlegen, das die Weiterpflege nach Projektende sicherstellt.
Drei Modelle haben sich in vergleichbaren Bereichen bewährt. Erstens: Konsortien mit gemeinsamer Finanzierung — wie die OBO Foundry in der Biomedizin, in der mehr als dreihundert Ontologien dauerhaft gepflegt werden, finanziert durch ein Netz internationaler Beitrags-Institute. Zweitens: kommerzielle Trägerschaft mit Open-Core-Modell — die Ontologie bleibt offen, kommerzielle Anwendungen finanzieren die Pflege. So funktioniert schema.org seit 2011, getragen von Google, Microsoft, Yahoo und Yandex. Drittens: Community-Modelle wie Wikipedia — viele Beiträge, verteilte Verantwortung.
In der Werkstoff-Community zeichnet sich keines dieser Modelle bereits ab. PMDco wird heute von einem kleinen Kern aus FIZ Karlsruhe, BAM, TU Berlin gepflegt — eine Lösung, solange diese Institute MaterialDigital-finanziert sind. Numberland setzt für die OCO bewusst auf das Open-Core-Modell: der Kern bleibt unter CC BY-SA offen, kommerzielle Lizenzen für SaaS-Plattform und kuratierte Instanzdaten finanzieren die Pflege. Eine Wette darauf, dass sich ein nachhaltiger Markt für Werkstoff-Datenwerkzeuge entwickelt.
„Eine Ontologie ohne Pflegeverpflichtung ist eine Zeitkapsel — sie bewahrt den Stand vom Schlussbericht, aber sie wächst nicht mit. Wer Werkzeuge baut, die in zehn Jahren noch relevant sein sollen, muss die Pflege strukturell anders organisieren als die Erstellung. Open Core ist eine der wenigen Antworten, die sich in der Praxis bewährt haben." — Dr. Wolfgang Grond, Inhaber Numberland
Zahlen, Daten, Fakten
- 94 Werkstoff-Ontologien in Europa identifiziert (Norouzi 2024), Schätzung aktiv gepflegt: < 20
- Drei bewährte Pflegemodelle: gemeinsame Konsortien (OBO Foundry), kommerzielle Trägerschaft (schema.org), Community (Wikipedia)
- MaterialDigital3-Förderkriterium: explizites Kuratierungskonzept als Antragsbestandteil
- Numberland-Modell für OCO: Open Core — Schema CC BY-SA, kommerzielle Lizenzen für SaaS und kuratierte Daten
- DILEMA-K (gefördert seit März 2025): Kuratierungskonzept als Teil der Verwertungsplanung verankert