
Ohne maschinenlesbare Materialdaten bleibt Kreislaufwirtschaft ein Versprechen. Der entstehende Digital Product Passport der EU macht diese Frage von 2027 an verbindlich — und die Keramikbranche ist nicht vorbereitet.
Kulmbach, im März 2026. Die EU-Ecodesign-Verordnung 2024/1781 wird ab 2027 schrittweise einen Digital Product Passport (DPP) für ausgewählte Produktkategorien verpflichtend einführen — Batterien zuerst, weitere Produktgruppen folgen. Im Kern verlangt der DPP eine maschinenlesbare Identitätskarte für jedes Bauteil: Materialzusammensetzung, Herkunft der Rohstoffe, Schadstoffgehalte, Verarbeitungshistorie, Recycling-Empfehlungen. Was in der Möbelindustrie bei Holzherkunft schon erprobt ist, wird in der Materialindustrie eine grundlegende Umstellung erzwingen.
Keramik ist davon stark betroffen, ohne dass es vielen Akteuren bewusst wäre. Keramische Bauteile stecken in Batterien (Festelektrolyte,
Separatorbeschichtungen), in der Elektronik (MLCC, SAW-Filter), in Medizinprodukten (Implantate, Knochenersatz), in der Automobilbranche (Piezoinjektoren, Sensoren, Substrate). Alles DPP-relevante Produktkategorien. Wer einen Multilayer-Kondensator in einem E-Auto verbaut, wird nachweisen müssen, woher das BaTiO₃ kommt, ob Konfliktrohstoffe enthalten sind, wie das Bauteil am Lebensende behandelt werden muss.
Das technische Problem ist nicht trivial. Eine keramische Zusammensetzung ist keine Schraube — sie hat keine Seriennummer, sondern eine Charge mit Variationen. Sie hat keine eindeutige Geometrie, sondern eine Prozesshistorie. Und sie hat keine triviale Recycling-Route, sondern material- und kontaminationsabhängige Wege: mechanisches Mahlen, chemische Aufarbeitung, Deponierung. Wer im DPP eine Recycling-Empfehlung geben soll, muss die Materialidentität präzise erfassen — und genau das verlangt strukturierte Datenstandards.
Die Bausteine dafür liegen bereit. PMDco modelliert Material und Prozess auf der Mid-Level-Ebene. OCO macht das material-spezifisch für Keramik. PROV-O sichert die Provenance. QUDT die Einheiten. Die Asset Administration Shell aus dem Manufacturing-X-Programm kann als Container für DPP-Daten dienen. Was fehlt, ist die Verbindung: ein DPP-Material-Submodel, das aus diesen Bausteinen einen praktikablen Standard formt. Numberland arbeitet daran — als Teil der Brückenstrategie zwischen MaterialDigital und Manufacturing-X.
„Wer Kreislaufwirtschaft ernst meint, muss zuerst die Daten ändern, nicht die Materialien. Ohne maschinenlesbare Identität gibt es keine sinnvolle Rückführung — nur Versprechen. Der Digital Product Passport ist die richtige Antwort der EU. Jetzt müssen wir die Werkzeuge bauen, mit denen die Keramikbranche ihn ausfüllen kann." — Dr. Wolfgang Grond, Inhaber Numberland
Zahlen, Daten, Fakten
- EU-Ecodesign-Verordnung (2024/1781): Digital Product Passport schrittweise ab 2027, Batterien als erste Produktkategorie
- Keramische Komponenten in DPP-Produktgruppen: Batterien (Festelektrolyte), Elektronik (MLCC), Automotive (Piezo), Medizinprodukte (Implantate)
- Bestehende Bausteine: PMDco, OCO, PROV-O, QUDT, AAS (Asset Administration Shell aus Manufacturing-X)
- Was fehlt: DPP-Material-Submodel, das aus diesen Bausteinen einen praktikablen Standard formt
- Numberland-Beitrag: OCO-zu-AAS-Adapter im Aufbau, Brücke zu Manufacturing-X als strategisches Ziel