
- fünfzehn Jahre nach Beginn der Bewegung. Über 40 davon sind strukturell inkompatibel zueinander. Das ist kein Fortschritt — das ist
Fragmentierung. Eine ehrliche Bestandsaufnahme.
Kulmbach, im Oktober 2025. Die Studie von Norouzi und Kollegen, erschienen im Sommer 2024 in *Advanced Engineering Materials*, ist die bisher gründlichste Erhebung der Werkstoff-Ontologie-Landschaft. Die Forscher identifizierten 94 öffentlich dokumentierte Ontologien aus europäischen
Forschungsprojekten und kategorisierten sie nach Ebene (Top-Level, Mid-Level, Domain, Application), nach Methodik, nach FAIR-Compliance und nach Wartungsstatus. Das Ergebnis ist ernüchternd.
Über 40 Ontologien sind strukturell so unterschiedlich aufgebaut, dass ein Datenaustausch zwischen ihnen nur über manuelles Mapping möglich ist. Die beiden vorherrschenden Schulen — BFO mit der weltweit etablierten OBO Foundry und EMMO als europäischer Eigenentwicklung — folgen unterschiedlichen philosophischen Grundannahmen und sind deshalb nicht direkt kompatibel.
Hinzu kommt eine wachsende Zahl von Projekten, die weder BFO noch EMMO nutzen, sondern eigene Top-Level definieren oder ganz auf eine Vereinheitlichung verzichten.
Hinter dieser Fragmentierung stehen drei strukturelle Treiber. Erstens das Förderprojekt-Modell: jedes Projekt hat seine eigene Laufzeit, sein eigenes Konsortium, seine eigene Domäne — und baut deshalb seine eigene Ontologie. Zweitens der akademische Anreiz: wer eine neue Ontologie publiziert, bekommt Zitationen — wer nur eine bestehende erweitert, weniger. Drittens das Tooling-Defizit: es ist heute schwerer, eine vorhandene Ontologie zu verstehen und sinnvoll zu erweitern, als eine neue von Grund auf zu bauen.
Die Norouzi-Studie zeigt auch positive Trends. PMDco etabliert sich als Mid-Level-Standard für deutsche Materialprojekte, BattINFO als EMMO-aligned Standard für Batterien, ChEBI als Chemie-Brücke. Was fehlt, ist eine disziplinübergreifende Brückenstrategie — ein expliziter, gepflegter Mapping-Layer zwischen den Schulen. Solange den niemand baut, bleiben die Ontologien Inseln.
Numberland hat sich in der OCO bewusst entschieden, BFO über die PMDco-Brücke zu nutzen — und plant für die nächsten Jahre explizite Alignments zu EMMO-aligned Ontologien wie BattINFO und CHAMEO. Nicht als Konkurrenz, sondern als gangbare Brücke. Wer interoperable Werkstoffdaten will, muss die Brücken bauen, die heute fehlen — nicht eine 95. Insel.
„Wer heute eine neue Werkstoff-Ontologie startet, sollte zuerst fragen, ob er das wirklich braucht — oder ob er eine bestehende erweitern kann. Die meisten neuen Ontologien entstehen aus dem Reflex, alles neu zu machen. Das ist verständlich, aber es führt in die Sackgasse, in der wir heute stehen." — Dr. Wolfgang Grond, Inhaber Numberland
Zahlen, Daten, Fakten
- 94 Werkstoff-Ontologien in Europa identifiziert (Norouzi et al., Advanced Engineering Materials, 2024)
- 40 davon strukturell inkompatibel
- Zwei dominante Schulen: BFO (ISO/IEC 21838) und EMMO (europäisch)
- Numberland-OCO: BFO-aligned via PMDco-Bridge, EMMO-Alignment auf der Roadmap
- Vergleich: KupferDigital, StahlDigital, GlasDigital, OCO bauen alle auf PMDco — gibt zumindest in DE eine emerging Konvergenz