
einen Weg, ihre Daten miteinander reden zu lassen. Der wissenschaftliche Vorsprung des Kontinents droht zu einem strukturellen Rückstand zu werden — wenn die Datensilos der Labore und Industrien nicht aufgebrochen werden.
Kulmbach, im Januar 2025. Eine systematische Erhebung der Universität Stuttgart hat im vergangenen Jahr 94 Werkstoff-Ontologien in europäischen Forschungseinrichtungen gezählt. Über 40 davon sind strukturell inkompatibel zueinander. Jedes größere Förderprojekt baut sein eigenes Datenmodell, jedes Institut speichert seine Messergebnisse anders. Das ist kein Fortschritt — das ist Fragmentierung.
In den USA läuft seit 2011 die Materials Genome Initiative, die exakt dieses Problem auf nationaler Ebene angeht. Japan betreibt mit NIMS und MatNavi seit über zwei Jahrzehnten eine zentrale Materialdatenbank, deren Auswertung jedes Jahr neue Werkstoffe in den Markt bringt. Die europäische Antwort heißt seit 2019 MaterialDigital — eine BMBF-Initiative, die Werkstoffdaten maschinenlesbar, verknüpfbar und wiederverwendbar machen will. Parallel arbeiten die EU-Partnerschaften IAM4EU (€500 Mio, 2025–27) und P4Planet (€2,6 Mrd) an einer datenbasierten europäischen Materialindustrie.
Die Werkzeuge dafür sind weitgehend gebaut. Was fehlt, ist ihre Anwendung in der Breite. Ohne gemeinsame Sprache — sogenannte Ontologien — bleibt jede Messung ein Einzelfall, jede Veröffentlichung ein Insellabor. FAIR-konforme Datenpraxis (findable, accessible, interoperable, reusable) ist seit zehn Jahren der erklärte Goldstandard. In den meisten Materialprojekten ist sie noch immer eine Absichtserklärung.
„Wer eine Tonne Stahl mit perfekter Spezifikation kauft und nichts mit > den dazugehörigen Daten anfangen kann, hat keine Souveränität, sondern > nur Lieferketten. Souveränität fängt damit an, dass die Daten genauso > verbindlich werden wie die physische Lieferung" (Dr. Wolfgang Grond, Inhaber Numberland).
Zahlen, Daten, Fakten
- 94 Werkstoff-Ontologien in Europa (Norouzi-Survey 2024), davon ≥ 40 strukturell inkompatibel
- BMBF-Programm MaterialDigital seit 2019: drei Förderaufrufe, 40+ Projekte - EU-Horizon-Europe-Cluster 4 (Digital, Industry, Space): Schwerpunkt fortschrittliche Materialien
- IAM4EU-Partnerschaft (2025–27): €500 Mio für „Innovative Advanced Materials for Europe"
- P4Planet (2021–27): €2,6 Mrd für Dekarbonisierung der Prozessindustrie